Werte – Auf der Suche nach dem moralischen Kitt

Die zunehmende Jugendgewalt ist vor allem eine Folge des schleichenden Werteverlustes, meint der sächsische Bildungsminister Steffen Flath in einem Namensbeitrag in der “Welt”. Dafür verantwortlich macht er eine Gesellschaft, die sich ihrer gemeinsamen Grundlagen nicht mehr bewusst sei. Traditionelle Werte wie Fleiß, Disziplin, Ordnung und gegenseitiger Respekt würden in der Schule nicht ausreichend vermittelt. Allein sei der Staat mit dieser Aufgabe überfordert, denn niemand könne die Eltern ersetzen, wenn diese als Erzieher ausfielen.

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Staatsminister Steffen Flath MdL
Bild: Staatsminister Steffen Flath MdL: “Der Staat allein kann den Verfall der Sitten nicht stoppen.”

Selten erfährt ein Thema einen so kometenhaften Aufstieg wie die Jugendgewalt. Dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch ist es gelungen, ganz Deutschland mit heißem Herzen über eine Verschärfung des Jugendstrafrechtes diskutieren zu lassen. Ohne Zweifel, die Debatte ist notwendig und muss geführt werden. Zwar mag die Jugendkriminalität in der Summe sinken, aber die brutale Gewalt in Teilen der Jugendszene nimmt zu. Doch die Diskussion darf sich nicht auf die Frage nach der Ausgestaltung des Strafrechtes beschränken. Schließlich sind die erschütternden Gewaltausbrüche ausländischer Jugendlicher auch Folge einer unzureichenden Integrationspolitik. Hier liegt vieles im Argen. Und welche Moralvorstellungen haben eigentlich prügelnde Einheimische oder randalierende Migranten? Haben Sie überhaupt welche?

Linke Parteien haben sich lange damit begnügt, das Hohelied auf die Multikulti-Gesellschaft zu singen. Statt von Zuwanderern etwas zu fordern, wie etwa Deutschkenntnisse und die Besinnung auf gemeinsame Werte, hat man sich darauf beschränkt, die neuen Bürger als kulturelle Bereicherung zu begrüßen. Und viel zu lange hat sich die Union davor gesträubt, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen. Eine Integration, die ihren Namen verdient, ist auf der Strecke geblieben.

Die Folgen einer verfehlten Einbürgerungspolitik tragen heute auch verprügelte U-Bahn-Fahrgäste und -Fahrer, wie in München und Frankfurt geschehen. Aber eine aktive Eingliederungspolitik allein wird die Probleme nicht lösen. Die Gemeinschaft aus ausländischen und einheimischen Mitbürgern driftet auseinander. “Wir haben nicht nur Parallelgesellschaften, wir haben auch Gegengesellschaften”, wie der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg in einem Interview mit der WELT vom 15. März 2006 feststellte. Mehr noch: Die Individualisierung in allen Teilen der Bevölkerung schreitet unaufhaltsam voran. Unsere Gesellschaft zerfällt.

 
Fehlender “Werte-Kitt”

Es gibt keinen Konsens darüber, was das Land zusammenhält und welche Regeln gelten. Ein Fundament aus Werten muss neu gebaut werden – von eingeborenen und eingewanderten Bürgern gemeinsam. Diese Forderung ist nicht neu und wird seit Jahren erhoben. Im Jahr 1999 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner Rede zum Staatsakt “50 Jahre Bundesrepublik Deutschland” darauf verwiesen, dass Freiheit auch das Wissen um Tradition, um Werte und Ideale braucht. “Wir drohen unsere Freiheit zu verlieren, weil wir über eine gemeinsame Basis an Werten und Idealen nicht mehr verfügen”, warnte er. Der Ruf nach gemeinsamen Regeln ist aktueller denn je. Deutschland braucht eine verbindende Ethik. Nach welchen Maximen gestalten wir unser Zusammenleben? Wie gehen wir miteinander um? Fragen, die einer Antwort bedürfen. Wir brauchen mehr moralische Verantwortung im Tun. Es fehlt der “Werte-Kitt”, der unser Land zusammenhält.

Wie kann es sein, dass ein Mob aus Deutschen eine kleine Gruppe von ausländischen Mitbürgern in eine lebensbedrohliche Situation treibt? Es auf eine fremdenfeindliche oder rassistische Gesinnung zu reduzieren wäre falsch. Das Problem liegt tiefer. Fehlt es nicht eher an einem Wertegerüst, das den Menschen vor Gewaltausbrüchen dieser Art bewahrt? Wie konnte der Respekt vor der Würde des Menschen so verloren gehen? Wo ist die moralische Grundeinstellung?

 
Rücksichtnahme und Toleranz gefordert

Gleichwohl, eine Sehnsucht nach Bindung und Zugehörigkeit, nach gemeinsamen Werten und Geborgenheit ist spürbar. Zwar laufen den Kirchen die Mitglieder davon, aber erkennbar ist eine zunehmende Religiosität unter Jugendlichen. Auch die Elterngeneration verlangt nach einem ethischen Fundament. Wie die Umfrage einer sächsischen Tageszeitung unlängst offenbarte, findet die weit überwiegende Mehrzahl der Sachsen, dass traditionelle Werte wie Disziplin, Fleiß, Ordnung und Respekt vor anderen von der Schule nicht ausreichend vermittelt werden. Ob die Tugenden auch daheim im Elternhaus gelebt werden, sagte die Umfrage nicht.

Der Ruf nach moralischer Ordnung ist Folge eines Werteverlustes. Sozialnormen wie Rücksichtnahme und Toleranz gegenüber anderen Menschen und Meinungen kommen im täglichen Miteinander zu kurz. Seien wir ehrlich: Gerade Politiker sind im Umgang mit Minderheitenmeinungen keine Vorbilder. Was in der politischen Diskussion an verbaler Demütigung geäußert wird, ist nicht selten menschenverachtend. Und wer kennt sie nicht, die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr oder die Ellbogenmentalität am Arbeitsplatz? Allen in Erinnerung sind noch die Lehrer der Rütli-Schule in Berlin, die mit ihrem Brandbrief das Land wachrüttelten, weil sie der Gewalt an ihrer Schule nicht mehr Herr wurden.

Ein Problem ist, dass viele Migranten ein anderes Wertegefüge haben als Einheimische. Hinzu kommt, dass die westliche Gesellschaft dabei ist, ihren inneren Wertekompass zu verlieren. “Wir sind uns der eigenen Grundlagen nicht mehr gewiss und deshalb so unsicher im Umgang mit anderen Kulturen”, stellte Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio einmal in einem “Spiegel”-Interview fest.

 
Selbstinszenierung kontra gemeinsames Wertefundament

An die Stelle von Gemeinsinn ist eine extreme Ich-Bezogenheit getreten. Im Kindergarten beklagen Erzieherinnen die von Eltern verwöhnten kleinen “Prinzen und Prinzessinnen”, die alles für sich beanspruchen und nicht in der Lage sind zu teilen. Schon im Kindesalter beginnt der Wunsch nach Selbstinszenierung. “Germany’s next Topmodel” feiert hohe Einschaltquoten auch unter Grundschülerinnen. Die fortschreitende Kommerzialisierung hat die Jugendlichen im Würgegriff. Im Teenageralter ist das Streben nach Glück von der Suche nach MP3-Playern, Handys und Designer-Klamotten geprägt. In ihrer Not greifen Schulen zur Schuluniform und erteilen Handy-Verbot. Deutschland sucht den Superstar, aber kaum jemand sucht nach einem gemeinsamen Wertefundament. Wer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, missachtet seine Mitmenschen, gefährdet sie sogar.

Gewaltausbrüche sind zunehmend Ausdruck ungebremster Selbstverwirklichung. Es sind nicht nur die jugendlichen Bildungsverlierer einer ökonomisch geprägten Gesellschaft, die in und vor Fußballstadien randalieren. Immer häufiger findet die Polizei unter den Krawallmachern Familienväter in sicherer Anstellung. Auch Ärzte und Anwälte suchen in der Fußballrandale den ultimativen Kick am Wochenende. Es ist etwas faul im Staate. Der Ruf nach staatlicher Gewalt liegt nahe.

 
Die Spirale der Aufrüstung

Tatsächlich muss der erziehende Staat intervenieren, wenn Gefahr im Verzug ist. Gesetze müssen der Wirklichkeit gerecht werden. Polizei muss eingreifen, wenn die öffentliche Ordnung gefährdet ist. Aber wo fängt die Spirale der Aufrüstung an und vor allem: Wo hört Sie auf? Steht nicht am Ende der Verlust an Freiheit?

Der Staat allein kann den “Verfall der Sitten” nicht stoppen. Weder können Lehrer und Kindergärtnerinnen einspringen und Eltern ersetzen, wenn diese als Erzieher ausfallen. Noch können härtere Gesetze das Loch füllen, das der schleichende Werteverlust gerissen hat. Steuergeld kann die Wunden nicht heilen, die Rentner durch Attacken Jugendlicher erleiden mussten. Der Staat allein wird scheitern. Staatliche Gewalt kann und darf ein ethisches Fundament nicht ersetzen. Jugendgewalt als Selbstinszenierung der Maßlosigkeit – wenn die Scheiben klirren, ist es meistens schon zu spät für Milde und Verständnis.

Quelle: Der Namensartikel des sächsischen Bildungsministers, Steffen Flath, ist erschienen in der Tageszeitung “Die Welt” vom 16.01.2008.

Über Redaktion, David Decker

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